Deutsch-Chinesisches Dialogforum
2023

Prof. Dr. Ada Pellert


Diese kurze Reflexion meiner persönlichen Erfahrungen in Bezug auf Kooperationen zwischen Deutschland und China im Bildungsbereich möchte ich gerne auf die Bereiche Lernen, Geschwindigkeit und Ideologie beziehen.

Lernen

Von 2011 bis 2015 hatte ich die Gelegenheit, mit vielen anderen die Carl Benz Academy für Mercedes-Benz China in Peking aufzubauen. Dort entwickelten wir ein internationales MBA Programm für Nachwuchsmanager:innen, in einer Kooperation zwischen Deutschland, China und den USA, den Hauptmärkten der Automobilbranche. Wir hatten damals parallel auch ein MBA-Programm in Berlin laufen und es war beeindruckend zu sehen, dass es zwischen dem chinesischen und dem deutschen Managementnachwuchs eigentlich wenig Unterschiede gab. Es war einfach schön anzusehen, wie sich gut ausgebildete, aufgeweckte junge Leute mit vielen internationalen Erfahrungen in China genauso wie in Deutschland voller Engagement in diese Möglichkeit weiterer internationaler Erfahrungen stürzten. Eine neugierige aufgeweckte Generation, die viel Hoffnung machte, nicht zuletzt auch, weil sie die kulturell unterschiedlichen Führungsmodelle miteinander verglichen und kundig reflektiert hat. Auch die deutschen Professorinnen und Professoren waren ganz angetan von diesen jungen Menschen, vor allem jene, die schon Jahre zuvor in China unterrichtet hatten und eher an die Kommunikationskultur und Sozialisation der früheren Parteifunktionäre gewohnt waren.

In derselben Zeit, in den Jahren 2011 und 2012, gab es ein großes Interesse von chinesischen Rektor:innen am deutschen Hochschulsystem. Die Exzellenz-Initiative bekam gerade hohe Aufmerksamkeit ebenso wie viele andere Entwicklungen in der deutschen Wissenschaftslandschaft. Deshalb kamen viele chinesische Rektor:innen zur Weiterbildung nach Deutschland. Auch ich habe zweimal je eine Woche lang eine solche Weiterbildung geleitet, mit dem Schwerpunkt Hochschul- und Wissenschaftsmanagement. Es war sehr interessant zu sehen, wie begierig die Gäste aus China die Entwicklungen des deutschen Hochschulsystems in sich aufnahmen und jedes Mal überlegten, was davon in ihre Kontexte übertragen werden könnte. Das gleiche galt dem damals sehr stark aufkeimenden Interesse an der dualen Ausbildung. Das wurde zwar zum Teil ein bisschen naiv angegangen: Ich wurde bei meinen China Aufenthalten beispielsweise immer wieder gefragt, wo man das Curriculum für eine duale Ausbildung kaufen kann, weil man nicht ahnte, dass das Unternehmen als zweite Säule gemeinsam mit der Bildungseinrichtung diese Dualität überhaupt erst herstellt. Aber die Neugier und das Interesse an Erfahrungen anderer Bildungs- und Wissenschaftskulturen waren immens.

Geschwindigkeit

Neben der Neugier auf die Entwicklung an anderen Orten der Welt und einem unbedingtem Commitment zum Lernen, das wir europäisch-hochnäsig lange als „die können und wollen ja nur kopieren“ abgetan haben, ist auch die Geschwindigkeit der Entwicklungen beeindruckend. Insbesondere wenn man aus dem deutschsprachigen Raum kommt und immer wieder schmerzhaft erfahren muss, wie wir uns selbst durch unsere eigenen Strukturen und Prozesse fesseln und behindern.

Als ich 2016 nach NRW kam, habe ich – ohne zu ahnen, welche wunden Punkte ich da treffe – immer wieder YouTube-Videos vorgezeigt, in denen zu sehen war, wie Chinesen in kürzester Zeit stabile, lange und große Brücken aller Art bauen, für die man hierzulande Jahre und Jahrzehnte braucht. Auch das ist immer wieder beeindruckend, in welcher Geschwindigkeit gebaut wird, und mittlerweile auch in einer Qualität, die europäische Standards nicht scheuen muss. Die andere Seite des Geschwindigkeitsthemas ist allerdings, dass ganze Dörfer, Stadtviertel, etc. von einem Monat auf den nächsten verschwinden, in einer Brutalität, die in Mitteleuropa nicht mehr vorstellbar wäre. Und dass den Menschen unglaublich viele Spannungen zwischen gestern und heute zugemutet werden durch die hohe Veränderungsgeschwindigkeit, die die soziale Kohäsion bis auf das Äußerste belasten muss – ich denke dabei vor allem an die Nachwuchsmanager:innen aus der jungen Generation. Wenn man oft sah, wie deren familiäres Umfeld aussah und welche Schwierigkeiten sie hatten, ihre Lebensumstände familiär zu vermitteln und die höchst unterschiedlichen Welten miteinander zu verbinden, dann konnte man den hohen psychosozialen Druck unter dem sie standen, zumindest ansatzweise, erahnen.

Ideologie

Eine große Konferenz in Xian 2013: Gemeinsam mit vielen europäischen Rektor:innen war auch ich angereist, weil wir uns auf den Austausch mit ihren chinesischen Counterparts zu Entwicklungen in Higher Education and Science Policy freuten. Wir mussten dann leider schmerzhaft erfahren, dass nach der großen politisch aufgeladenen Eröffnung mit viel politischer Prominenz, die die Entwicklungen der neuen Seidenstraße gefeiert hat, dann plötzlich alle chinesischen Rektor:innen verschwunden waren und uns Europäer:innen ein wenig mit dem Gefühl „bestellt und nicht abgeholt“ zurückließen.

Mit dem deutsch-chinesischen Dialogforum waren wir dann 2019 in Beijing und Qingdao. Das war unheimlich beeindruckend, wir haben dort junge chinesische Unternehmer:innen in Internet Startups getroffen – darunter ganz viele Frauen –, die in ihrer Dynamik sehr überzeugend waren. Ganz besonders beeindruckt haben uns viele chinesische Gesprächspartner:innen durch ihre vielfältigen Kenntnisse über und ihre große Nähe zu Deutschland: Beispielsweise die Kolleg:innen aus Qingdao oder von der Tongji-Universität aus Shanghai, die aus ihrer Tradition heraus sehr Deutschland-affin sind. Das Gastgeschenk war etwa die Goethe-Gesamtausgabe auf Chinesisch. Unter uns Kolleg:innen aus Deutschland hat das immer wieder zu Diskussionen darüber geführt, wie man auch bei uns in Deutschland eine Chinakompetenz vermitteln könnte, die genauso fundiert wäre wie die Deutschlandkompetenz, die wir bei unseren chinesischen Gegenübern  erlebt hatten. Hier hatten wir große Defizite in der Aus- und Weiterbildung identifiziert.

Diese Grundstimmung hat sich leider ziemlich verändert, auch im Bildungs- und Wissenschaftsbereich. Es ist dann nicht mehr zu weiteren Treffen gekommen, denn spätestens ab 2019 wurde es immer schwieriger, auch im Wissenschaftssystem zu einem offenen Austausch zu kommen. Selbst wenn man versuchte, die großen, brennenden politischen Themen auszusparen, wurde es immer schwieriger, das, was die europäische Wissenschaftstradition ausmacht  aufrecht zu erhalten – einen offenen Diskurs, die Möglichkeit zu wechselseitiger Kritik ohne ideologische, nationalistische oder parteipolitische Einschränkungen. Diese Entwicklung hat sich seit damals verstärkt. Auch in der Hochschulrektorenkonferenz stellen wir immer häufiger mit Bedauern fest, dass der wissenschaftliche Austausch mit China von politischen und geostrategischen Interessen überformt wird. Das ist sehr bedauerlich, denn bis zuletzt hatten wir (etwa auch im deutsch-chinesischen Dialogforum) gehofft, dass wir wenigstens in Wissenschaft und Bildung im Sinne von Science Diplomacy gut im Gespräch bleiben könnten. Dies ist aber schwierig, wenn zentrale Werte nicht geteilt sind und man den chinesischen Kolleg:innen in allen Gesprächssituationen anmerkt, dass sie viel politischen Druck aushalten müssen, von dem sie auch nicht wissen, wie sie ihm begegnen sollen, ohne sich selbst zu gefährden.

Auch Chinas Politik wird - wie in anderen Ländern, die sich nationalistisch ausrichten - von einem „China First“ geprägt, das die universalen Werte insbesondere auch der Wissenschaft in Frage stellt.

Ich wünsche mir sehr, dass meine Kinder noch einmal eine Zeit erleben werden, in der die Beziehung zu China das inspirierende Moment der früheren Jahren enthält, mit dem Versprechen auf einen Aufbruch in eine gemeinsame Zukunft mit geteilten Werten. China ist ein wunderbares Land, mit dem wir so viel für diesen gemeinsamen Planeten erreichen könnten, wenn wir als internationale Wissenschaftsgemeinschaft zusammenarbeiten würden, anstatt nur die Vision der eigenen Vorherrschaft im Blick zu haben.


Über die Autorin



Prof. Dr. Ada Pellert ist seit März 2016 Rektorin der FernUniversität in Hagen, seit Oktober 2016 Vorsitzende der Kooperationsplattform Digitale Hochschule NRW und war von August 2018 bis November 2021 Mitglied des Digitalrates der Bundesregierung. Zuvor hat sie als Professorin in der Organisationsentwicklung und im Bildungsmanagement geforscht.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin beschäftigt sich insbesondere mit Bildungs- und Hochschulmanagement, Personal- und Organisationsentwicklung sowie den Themen internationale Hochschul- und Weiterbildungsforschung, Gender- und Diversity-Management und Lebenslanges Lernen.